Das Graveyard Buch
Leseprobe
Kapitel zwei
Die neue Freundin
Bod, so wurde er nun genannt, war ein stilles Kind mit
nüchternen grauen Augen und einem dichten Schopf
zerzauster mausgrauer Haare. Die meiste Zeit war er
folgsam. Er lernte sprechen und setzte dem Friedhofsvolk
mit seinen Fragen zu. »Wieso darf ich nicht raus
aus dem Friedhof?«, fragte er oder: »Wie mache ich
das, was der da gerade gemacht hat?«, oder: »Wer
wohnt eigentlich hier?«
Die Erwachsenen gaben sich alle Mühe, seine Fragen
zu beantworten, aber oft fielen ihre Antworten vage,
verwirrend oder widersprüchlich aus. Dann ging Bod
immer zu der alten Kapelle, um mit Silas zu reden.
Er wartete dort bis Sonnenuntergang, wenn Silas gewöhnlich
erwachte.
Bei seinem Vormund konnte er sicher sein, dass er eine
Erklärung bekam, die so klar und so einfach war, dass
Bod sie auch verstehen konnte.
»Du darfst den Friedhof nicht verlassen, weil wir dich
nur auf dem Friedhof beschützen können. Hier lebst
du im Kreis derjenigen, die dich lieben. Draußen
wärst
du nicht sicher. Noch nicht.«
»Aber du gehst doch auch nach draußen. Du gehst
jede
Nacht nach draußen.«
»Ich bin unendlich viel älter als du, mein Junge.
Und
ich bin überall sicher, ganz gleich, wo ich bin.«
»Das bin ich auch.«
»Ich wünschte, es wäre so. Aber nur,
solange du hierbleibst,
bist du wirklich sicher.«
Oder:
»Wie man das macht? – Manches lernt man durch
Erziehung,
manches durch Übung, manches kommt einfach
mit der Zeit. Diese Fertigkeiten erwirbst du, indem
du dich damit beschäftigst. Schon bald wirst du
lernen, dich unsichtbar zu machen, durch Wände zu
gehen und traumzuwandeln. Manches können die Lebenden
nicht lernen, da wirst du noch ein bisschen
warten müssen. Aber ich bin sicher, dass du selbst diese
Dinge am Ende lernen wirst.«
»Schließlich bist du Ehrenbürger des
Friedhofs«, sagte
Silas. »Also sorgt der Friedhof für dich. Da du hier
lebst, kannst du in der Dunkelheit sehen. Du kannst
dich auf eine Weise fortbewegen, die den übrigen Lebenden
nicht gegeben ist. Sie übersehen dich, ihre Augen
gleiten von dir ab. Auch ich bin Ehrenbürger des
Friedhofs, obwohl das in meinem Fall nicht mehr als
ein Aufenthaltsrecht bedeutet.«
»Ich will so sein wie du«, sagte Bod und schob die
Unterlippe
vor.
»Nein«, widersprach Silas, »das willst du
nicht.«
Oder:
»Wer da liegt? – Meistens steht es auf dem
Grabstein geschrieben.
Kannst du schon lesen? Kennst du das ABC?«